Westfalen

Kommentar zum Kommentar der Ruhr Nachrichten

Re(d)aktion

Kommentar zum Kommentar der Ruhr Nachrichten

Kommentar Pixabay Kommentar

Die Berichterstattung der Ruhr Nachrichten in Dortmund zum Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst in den letzten Wochen ist bemerkenswert. Bemerkenswert einseitig, in Teilen bemerkenswert schlecht recherchiert, oder auch ganz bewusst falsch dargestellt?!

Uns erreichen in den letzten Wochen zahlreiche Zuschriften und Emails, in denen uns Menschen ihre Kommentare oder Leserbriefe an die Ruhr Nachrichten zur Verfügung stellen. Im Übrigen nicht nur ver.di-Mitglieder. Oft garniert mit dem persönlichen Hinweis, dass das Abo zur letzten verbliebenen Tageszeitung in Dortmund nun gekündigt wird.

Einen dieser Kommentare wollen wir hier exemplarisch veröffentlichen. Die Autorin ist uns namentlich bekannt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich komme zurück auf einen Artikel Ihres Redakteurs Ulrich Breulmann, der in der vergangenen Woche in Ihrer Zeitung erschienen ist.

Ich möchte mich an dieser Stelle gegen die Polemik des Kommentars "Dieser Streik ist schamlos, unsolidarisch und rücksichtslos" verwehren. Immer noch bin ich tief erschrocken von dieser Wortwahl!

Das Recht auf Meinungsäußerung in Kommentaren, auch in zuspitzender Form, steht jeder Person zu. Doch sollten Meinungsäußerungen in Zeitungen und anderen Medien auf guter Sachrecherche basieren - sonst unterscheiden sie sich nicht mehr von unseriösen Quellen und ich als Leserin verliere das Vertrauen in die Qualität.

Genau diese Sachrecherche vermisse ich aber bei dem Artikel.

  • Die Gewerkschaft verdi hat z. B. angeboten, die Tarifverhandlungen zu verschieben. Die Arbeitgeber haben dies abgelehnt.

  • Woher nimmt der Redakteur die Gewissheit, das viele Menschen wie Busfahrer oder Erzieher in der Hochzeit der Pandemie (während des Lockdowns) nicht gearbeitet haben? 

Da ich als Erzieherin arbeite, könnte ich Herrn Breulmann gerne einen Einblick in den Alltag geben. Wir schützen allerdings Personen, die einer Risikogruppe angehören und nicht in einer Einrichtung arbeiten. Viele Erzieherinnen vor Ort sind dadurch in ihrem Alltag zusätzlich belastet. Wenn Ihr Redakteur übrigens nicht möchte, dass wir streiken, könnte er doch für die Verbeamtung der Erzieher und Erzieherinnen eintreten - dann aber bitte auch mit dem Gehalt, das Lehrer und Lehrerinnen für Ihre Arbeit bekommen. Unsere Arbeit ist gleichwertig zu der von Personen im Lehramt!

Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des öffentlichen Dienstes werden in dem Artikel unterschwellig wieder als faul und arbeitsunwillig dargestellt. Dabei ist jeder von ihnen gerade in diesen Pandemie-Zeiten wichtig und unverzichtbar.

Haben Sie vergessen, dass der öffentliche Dienst über Jahrzehnte "zerspart" wurde? Wer ruft denn jetzt nach den Gesundheits- und Ordnungsämtern, die aus Geld- und Personalmangel kaum ihrer Arbeit nachkommen können? Auch für diese Kollegen wird gegenwärtig gestreikt.

Denken Sie an Feuerwehr und Rettungsdienst? Diese Menschen arbeiten jeden Tag mit vollem Einsatz für die Gesellschaft auch und gerade in Corona-Zeiten. Sie sind alles andere als schamlos, unsolidarisch und rücksichtslos. Auch ihnen dient ein guter Tarifabschluss in dieser Zeit!

Automatisch steht nach einem solchen Artikel die Frage im Raum: Cui bono?

Ich hoffe in Zukunft auf besser recherchierte Artikel und mehr Ausgewogenheit in Ihrer Zeitung - persönlich hielte ich sogar eine Entschuldigung des Herrn Breulmann für angebracht.

Um die polemische Diktion Ihres Redakteurs einmal aufzunehmen, möchte ich folgendes anmerken: Leider sind die Ruhr-Nachrichten die einzige noch verbliebene Zeitung im Dortmunder Raum. Ich frage mich allerdings, womit bei derartiger Recherche die regelmäßig steigenden Abonnementkosten gerechtfertigt werden - zumal der Mantelteil ja gar nicht von Ihnen verantwortet wird. Und da Ihr Redakteur Gehaltssteigerungen im öffentlichen Dienst rücksichtslos und unsolidarisch findet, werde ich bei einem schlechten Tarifabschluss überlegen müssen, wo ich sparen kann. Da fällt mir sofort das Zeitungsabonnement ein.

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