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Arbeitskämpfe in Corona-Zeiten

Hans-Böckler-Stiftung

Arbeitskämpfe in Corona-Zeiten

Tarifvertrag ver.di Tarifvertrag

Die Corona-Pandemie hat 2020 auch die Tarifpolitik vor besondere Herausforderungen gestellt. Statt normaler Verhandlungen über Entgelte oder Arbeitszeiten standen in etlichen Branchen zunächst tarifliche Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung sowie zur Aufstockung des gesetzlichen Kurzarbeitergeldes im Vordergrund. Ab dem Sommer 2020 hat jedoch auch das normale Tarifgeschehen wieder an Fahrt aufgenommen. Dabei haben die Gewerkschaften in zahlreichen Tarifauseinandersetzungen auch zu (Warn-)Streiks aufgerufen. Insgesamt sind 2020 in Deutschland aufgrund von Arbeitskämpfen rund 342.000 Arbeitstage ausgefallen, zeigt die neue Arbeitskampfbilanz des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Die umfangreichsten Streikaktionen fanden dabei im Herbst 2020 im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen sowie im öffentlichen Nahverkehr statt. Gegenüber 2019 (rund 360.000 Ausfalltage) ist das Arbeitskampfvolumen kaum zurückgegangen – allerdings lag es auch 2019 schon auf niedrigem Niveau und zwei Drittel unter dem Wert von 2018. Auch die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Streiks lag mit 276.000 etwa auf dem Niveau des Vorjahres und deutlich unter der Zahl von 2018 (1,15 Millionen).

„Unter den Bedingungen eines umfassenden gesellschaftlichen Lockdowns wurden im Frühjahr viele Tarifverhandlungen zunächst ausgesetzt. Hierbei gab es eine Art `Streikpause´ bei der – von sehr wenigen Einzelfällen abgesehen – für einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten sämtliche Arbeitskampfmaßnahmen eingestellt wurden. Im Laufe des Jahres hat sich dann jedoch gezeigt, dass auch unter Corona-Bedingungen die Interessen- und Verteilungskonflikte nicht verschwinden, sondern im Gegenteil vielfach sogar besonders akzentuiert werden“, skizzieren Prof. Dr. Thorsten Schulten, Dr. Heiner Dribbusch und Jim Frindert in der WSI-Analyse das Arbeitskampfjahr 2020. „Infolgedessen haben auch die Streikaktivitäten ab dem Frühsommer 2020 wieder zugenommen.“ Auch danach habe die zeitweilige Entspannung ebenso wie die spätere erneute Zuspitzung des Infektionsgeschehens die Arbeitskämpfe beeinflusst.

Unter dem Strich sei es den Gewerkschaften „gut gelungen, auch unter Pandemiebedingungen ihre Arbeitskampffähigkeit unter Beweis zu stellen“, analysieren die Forscher. Neben Coronaschutz-konformen Präsenzaktionen mit Hygienekonzept, Abstand und Masken hätten Beschäftigte und Gewerkschaften auch neue, innovative Formen digitaler Streikversammlungen und Mobilisierungsformate eingeführt. Die Pandemie habe auch Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung von Arbeitskämpfen gehabt, insbesondere durch das gesteigerte Bewusstsein für „systemrelevante“ Tätigkeiten im Dienstleistungssektor, die besser bezahlt werden sollten: So kam beispielsweise eine im September 2020 von der Mediengruppe RTL in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage zum Ergebnis, dass 63 Prozent der Befragten Verständnis für den Einsatz von Warnstreiks in der Tarifrunde für den öffentlichen Dienst hatten. Gleichzeitig sprachen sich 78 Prozent dafür aus, dass Pflegekräfte ein besonderes Gehaltplus erhalten sollten, was in der Tarifrunde auch durchgesetzt werden konnte.   

2021 höheres Arbeitskampfvolumen absehbar ... Quelle und mehr bei der Hans-Böckler-Stiftung...

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